Frontera B - Eigenbau-Schließzylinder für Reserveradcover

Hier gibt es wichtige Berichte und Anleitungen von und für Euch.

Moderatoren: Der Ralf, karman911

Antworten
Benutzeravatar
Huwu
Luftdruckprüfer
Beiträge: 85
Registriert: Samstag 30. Dezember 2006, 20:09

Frontera B - Eigenbau-Schließzylinder für Reserveradcover

Beitrag von Huwu » Donnerstag 10. Mai 2007, 05:26

Ein Schloss und doch (k)ein Ende

Manche Weisheit lehrt einen das Leben (mit einem Opel Frontera B), so auch die, dass Schlösser im Außenbereich eines Wagens vom Hersteller nicht zwangsläufig dafür konzipiert sein müssen. Die einen scripten Bananensoftware die erst beim Kunden reift, die anderen Bauteile die beim Kunden verrotten.

Die Eigentümer eines Frontera B mit werkseitigem anmontiertem Hardcover für das Reserverad stehen zumeist vor einem solchen Problem. Denn die zweiteilige Kunststoff-Schalung ist in ihrer Zusammensetzung so konstruiert, das die Heckverwirbelungen Feuchtigkeit zwangsläufig in das Innere drücken. Den Ausgang dafür haben die Fahrzeugingenieure der Schwerkraft folgend nach unten verlegt - in Form des Schlosses. So tropft und rinnt durch die Mechanik alles, was so auf und abseits der Straßen feucht stiebt.

Das Resultat ist nach wenigen Monaten im günstigsten Fall nur eine leicht verklemmte Mechanik, die sich mit viel Ölen und allerlei Wunderwerkzeug noch wiederbeleben lässt. Das komplette Zerlegen, Reinigen und Fetten avanciert dann zur periodischen Pflicht. Doch die agressiven Ablagerungen lassen beizeiten alle Resistenz des Materials erweichen. Übrig bleibt ein Schließzylinder von der Konsistenz eines Tuffsteins und zu keiner öffnenden Bewegung mehr fähig, so denn der Schlüssel noch reinpasst.

Ein Weg zu Lösung ist der kostspielige Austausch in der Fachwerkstatt. Dort belaufen sich die Teilkosten alleine auf rund 80 Euro. Die Wiederholung ist garantiert.

Die Alternative bedingt etwas handwerkliches Geschick und den Kontakt zu einer verständigen Präzisionsdreherei und -fräserei oder einen Bekannten mit der nötigen Werkstattausrüstung.

Material:
- Handbohrmaschine (mit Schlaggang) mit variabler Drehzahl
- 8er + 10er HSS-Bohrer
- ein Stück Iso-Klebeband
- Spitze Zange
- Kreuzschlitz-Schraubendreher ganz kleiner und mittlerer Größe
- Schutzbrille + Staubmaske
- Hobby-Kleinbohrmaschine mit kleinen Gummipolierscheiben
- Lanzette (aus dem Sanitätsfachhandel) oder ein mittlerer Uhrmacherschraubendreher
- Schiebelehre

Ausbohren:
1. Hecktür öffnen bzw. Reserverad ausschwenken und eine große Pappe oder eine Campingmatte als Unterlage darunterlegen.
2. Schutzbrille und Staubmaske aufsetzen.
3. Handbohrmaschine mit 8er Bohrer bestücken
4. Reserveradschlüssel so an den Bohrer anlegen das die oberste Steckkante in Höhe der Bohrerspitze liegt. Die Schlüsselspitze gibt dann die maximale Bohrtiefe vor. Diese Position am Bohrer mit Isoband markieren, die bohrspitzenseitige Kante des Bandes wird in 1 mm unterhalb der Schlüsselspitze (!) angelegt. Eine Umwicklung reicht.
5. Nun so als wollte man den Schlüssel ins Schloss stecken den Bohrer genau mittig auf dem Schließzylinder ansetzen und mit langsamer Drehzahl einbohren. Sobald die ersten Späne fliegen Bohrer kurz herausziehen, damit gelöstes Material herausfallen kann. Den Bohrer wieder im Loch ansetzen und erneut erst langsam dann etwas schneller drehen lassen.
Das Einsetzen, Bohren und Absetzen so lange wiederholen bis die markierte Bohrtiefe erreicht ist.
6. Erstmalig versuchen, das Schloss mit der Spitzzange zu ziehen. Sollte es sich nicht bewegen, auf den 10er Bohrer wechseln. Dabei wieder die Bohrtiefe markieren. Schlagwerk zuschalten.
7. Bohrer mittig ansetzen und gleich mit etwas schneller Drehzahl und wenig Druck anbohren. Vorsicht die Tiefe wird schneller erreicht. An - und absetzen wie oben.
8. Sollte der Zylinder nicht schon jetzt herausfallen oder an der Bohrerspitze hängen, nochmals mit der Spitzzange zu ziehen versuchen.
9. Bewegt sich der Zylinder nicht sind noch Reste der Schließlaschen vorhanden. In diesem Fall das Schlagwerk abschalten und den 10er Bohrer nur bis kurz vor dem Zylindergrund einsetzen und mit langsamer Drehzahl wie einen Fräser nach rechts und links in der Horizontalen des Schlüsselkanals bewegen. Vorsicht! Die Innenseite der Zylinderhülse ist die Grenze, sonst ist der Zylinderkonus hin.
10. Der Zylinder sollte sich nun ziehen lassen, wenn er nicht schon fällt.
11. Ausgebohrten Zylinder unbedingt aufheben!

Säubern: Unbedingt Staubmaske und Brille tragen!
1. Das Cover nun entsprechend der Pfeile auf der Oberkante drehen, mittig zum Körper anklappen und dann nach oben aushängen.
2. Vorsicht die Schließlasche kann schon rausfallen und wird noch gebraucht. Die beiden größeren Schrauben rechts und links des Schlossblockes lösen.
3. Teile separieren. Und vorreinigen.
4. Mit kleinem Kreuzschlitzdreher die Schrauben des Schlossdeckels lösen.
5. Mit Lanzette oder kleinem Schraubendreher die groben Verkrustungen im Inneneren des Zylinderkonus abkratzen.
6. Kleinbohrmaschine mit Gummipolierkopf bestücken.
7. Erst gefühlvoll die äußeren Verkrustungen des Schlossblockes wegpolieren.
8. Nun Bohrmaschine mit kleinen Gummipolierkopf bestücken oder Polierscheibe auf hartem Material oder 80er Schleifpapier bis leicht unter das Innenmaß des Zylinderkonus abnutzen lassen.
9. Mit dem Polierkörper nun vorsichtig das Innere des Konus blank polieren. Die Winkel und Kanäle nur mit der Lanzette sauberschaben, sonst gibt es später zuviel Spiel.

Maße abnehmen:
1. Mit der Schiebelehre nun die radialen Innenmaße des Konus abnehmen. Durch das Polieren können die nun vom intakten Original leicht abweichen. Durchmesser oberer Innenkranz , Tiefe oberer Innenkranz und Durchmesser unterer Innenkranz,
2. Für das inneren Längenmaß erst die Deckplatte wieder auf den Schließblock schrauben, dann die Schließlasche mit Gehrung zum Zylinderkonus hin einschieben.
3. Innenlängstmaß mit Fühllehre vom Rand des Konus bis zur Schließplatte abnehmen.
4. Am unteren Ende des ausgebohrten Zylinders die Maße des Exzenzters, Länge, Breite + Tiefe abnehmen.

Neuanfertigung eines Zylinders:
Für die Neuanfertigung sollte man alle Teile des Schlossblockes inklusive des ausgebohrten Zylinders und die notierten Maße mit auf die Suche nach einer geeigneten Dreherei nehmen.
Als Material auf jeden Fall hochwertigen laugenbeständigen Edelstahl angeben.
Für das neue Teil kann man auf die Arretierungsnut des Originalzylinders verzichten. Durch die Exzenterführung ist die Drehung ohnehin begrenzt.
Als Anschluss zum Öffnen habe ich mir einen 4x4x3 mm Vierkant gewünscht. Dadurch kann ich das Schloss mit einem Entlüftungsschlüssel für Heizkörper öffnen. Mit Mehraufwand und -kosten wäre das Fräsen oder Drücken von Innenprofilen (Inbus) verbunden, bietet aber auch ein bißchen Diebstahlsicherung.
Etwas eleganter ist die Variante statt des Vierkants einfach parallel zwei Löcher mit Durchmesser 2mm in die Oberseite bohren zu lassen. Das Gegenstück zum Auf- und Zudrehen ist mit einem Stück Alu-Blech und zwei Stahlstiften schnell selbst gebaut.
Die Kosten werden für solch einen Kleinstauftrag meist nach Aufwand und Material berechnet, max. die 80 Euro eines neuen Originalschlosses aber dafür fast für die Ewigkeit. :freak:
[center]
Zylindermodell im Schlosskörper
Bild

Zylindermodell mit Bemaßung
Bild[/center]


Hi Leute,
noch eine kurze Ergänzung zu meiner Anleitung für das Schloss des Reserveradcovers:
Ich hatte den Leuten von der Fräserei ja noch eine kurze Abänderung meiner Pläne nachgereicht. Zum Glück war das Teil noch nicht in der Produktion.
Statt eines Vierkants hab ich mir einfach zwei kleine Löcher in die Oberseite des Zylinders bohren lassen. Machte die Produktion leichter und ist zuleich eine Diebstahlsicherung. Eigentlich wollte ich mir selbst das Gegenstück (Schlüssel) dazu bauen. Doch in der Firma war man offensichtlich derart angetan von der Geschichte, dass ich am Freitag Schloss und auch Schlüssel überreicht bekam. Und montiert hatten sie auch schon alles. Habe mich natürlich riesig gefreut und mich vielmals bedankt.
Das Teil ist wirklich Qualitätsarbeit, hat gerade soviel Spiel wie nötig und schließt super.
Im Preis für drei Stunden Arbeit und das Material blieb man moderat. 75 Euro hab ich bezahlt. Ist zwar fast soviel wie ein neues Schloss beim FOH aber dafür hoffentlich unkaputtbar.
Schaut Euch auf den anhängden Bilder an, wie so ein Eigenkonstrukt aussehen kann.
Gruß Huwu

[center]Reserveradschloss mit massiv gedrehtem Edelstahlzylinder und passendem Schlüssel
Bild
Bild
Bild[/center]

Diggi
Reserveradträger
Beiträge: 46
Registriert: Mittwoch 11. Mai 2016, 18:07
Fahrzeug: Frontera B Sport 3.2 Bj. 2002
Wohnort: Neu-Isenburg

Re: Frontera B - Eigenbau-Schließzylinder für Reserveradcover

Beitrag von Diggi » Mittwoch 15. März 2017, 14:02

Hallihallo,
Es ist zwar schon ein paar Jährchen her, ich finde die Idee aber trotzdem noch sehr gut. Bei dem Fronti, den ich seit letzem Jahr mein Eigen nennen darf, habe ich noch keinen Blick hinter die Abdeckung werfen können. Ein Schlüssel existiert sowieso nicht mehr, da ist deine Idee ein sehr gutes Alternative ;) Viele Grüße

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste